
Kompetenz entsteht, wenn Erfahrung Zukunft möglich macht
Paula Duwan, Simone Reinmann
Gemeinsam haben mirroco und skills.ch ins SE MUSICLAB in Wabern bei Bern eingeladen. An einen Ort, der sich kaum in wenigen Sätzen beschreiben lässt. Musiklabor, Werkstatt, Denkraum, Klangarchitektur – alles trifft zu, und doch greift jedes Wort etwas zu kurz.
In der ehemaligen Gurtenbrauerei tüftelt Jürgen Strauss seit Jahren an der Frage, wie Klang wirklich gut wird. Nicht einfach lauter, klarer oder technischer. Sondern präziser, räumlicher, lebendiger. Das SE MUSICLAB ist ein Ort, an dem Akustik nicht als Nebensache behandelt wird, sondern als Gestaltungskraft. Wer dort sitzt und hört, merkt schnell: Qualität entsteht nicht zufällig. Aber sie lässt sich auch nicht vollständig planen.
Ein paar Eindrücke aus dem SE MUSICLAB zeigen besser, als Worte es könnten, wie sich dieser Ort anfühlt.
Genau darum ging es an diesem Anlass.
Wie entsteht Gestaltung im Spannungsfeld zwischen dem, was wir vorbereiten können, und dem, was sich erst im Moment zeigt? Was braucht es, damit Menschen in offenen Situationen nicht bloss reagieren, sondern handlungsfähig bleiben? Und was lässt sich daraus für die Entwicklung von Kompetenzen in Organisationen lernen?
Jürgen Strauss führte uns durch eine Welt, in der Musik, Gedächtnis und Improvisation eng miteinander verbunden sind. Es ging um historische Spuren, akustische Experimente, technische Präzision und immer wieder um die Frage, was Menschen abrufen können, wenn es ernst wird: wenn Pläne nicht ausreichen, wenn etwas kippt, wenn aus Unsicherheit Gestaltung werden soll.
Improvisation beginnt nicht bei null
Ein Gedanke blieb besonders haften: Improvisation ist nicht das Gegenteil von Kompetenz. Sie ist eine ihrer anspruchsvollsten Formen.
Wer improvisiert, schöpft nicht aus dem Nichts. Improvisation entsteht aus einem inneren Vorrat. Aus Erfahrungen, Bildern, Beobachtungen, Geschichten, Wiederholungen, Irrtümern und Zusammenhängen, die sich über Jahre angesammelt haben. Vieles davon liegt nicht sichtbar auf der Oberfläche. Und doch ist es da, wenn eine Situation es verlangt.
Das verändert den Blick auf Kompetenz.
Kompetenz ist nicht einfach Wissen, das gespeichert wurde. Und sie ist auch nicht nur Können, das in stabilen Situationen funktioniert. Kompetenz zeigt sich dort, wo Wissen, Erfahrung und Urteilskraft zusammenkommen. Dort, wo Menschen erkennen, was eine Situation braucht, obwohl nicht alles vorgegeben ist.
Was uns aus dem SE MUSICLAB begleitet
Aus dem Abend nehmen wir zehn Gedanken mit, die weiterarbeiten:
- Die Zukunft entsteht nicht im luftleeren Raum. Was morgen gedacht, entwickelt oder gestaltet wird, baut auf Erfahrungen auf, die oft lange vor uns begonnen haben. Vergangenheit ist kein Archiv im Hintergrund. Sie wirkt mit.
- Wissen wird erst durch Erinnerung wirksam. Informationen sind heute überall verfügbar. Orientierung entsteht aber nicht durch Zugriff allein. Sie entsteht, wenn Wissen Teil der eigenen Erfahrung geworden ist und in unerwarteten Momenten wieder auftaucht.
- Improvisation ist eine Form von Erinnerung. Wer im Moment etwas Neues schafft, greift auf ein gewachsenes inneres Repertoire zurück. Auf Muster, Töne, Bilder, Begegnungen, Fehler und Einsichten.
- Jede Generation lebt von einem kulturellen Erbe. Sprache, Schrift, Musik, Werkzeuge, Institutionen und Geschichten speichern menschliche Erfahrung. Sie ermöglichen es, weiterzugehen, ohne jedes Mal von vorne beginnen zu müssen.
- Lernen beginnt oft dort, wo Neugier stärker ist als Nützlichkeit. Nicht alles, was später wichtig wird, hatte am Anfang einen klaren Zweck. Manche Erkenntnis entsteht, weil eine Frage nicht loslässt.
- Nicht alles Wesentliche lässt sich planen. Bedeutende Ideen, Begegnungen und Entdeckungen entstehen oft an den Rändern des Vorhersehbaren. Dort, wo Kontrolle endet, kann Erkenntnis beginnen.
- Qualität ist Ausdruck von Aufmerksamkeit. In einem Hörraum wird das unmittelbar spürbar. Aber es gilt genauso für Zusammenarbeit, Gespräche und Entscheidungen. Sorgfalt verändert, was möglich wird.
- Geschichte erweitert den Denkraum. Wer nur die Gegenwart kennt, sieht wenig. Wer Geschichte kennt, erkennt Muster, Brüche und Alternativen, die sonst unsichtbar bleiben.
- Handlungsfähigkeit entsteht aus Tiefe. In einer komplexen Welt reicht es nicht, schnell zu reagieren. Orientierung braucht Einordnung, Zusammenhang und die Fähigkeit, dem Unbekannten begegnen zu können.
- Menschliche Entwicklung ist ein fortlaufendes Gespräch zwischen Erinnerung und Möglichkeit. Wir tragen Vergangenes in uns und gestalten zugleich, was noch nicht existiert. In diesem Spannungsfeld entstehen Lernen, Kreativität und Innovation.
Was das mit Kompetenzentwicklung zu tun hat
Für uns liegt darin ein wichtiger Hinweis: Kompetenzentwicklung darf nicht bei der Vermittlung von Wissen stehen bleiben. Sie muss Erfahrungsräume schaffen.
Menschen entwickeln Kompetenz, wenn sie etwas ausprobieren, beobachten, vergleichen, verwerfen, neu ordnen und wieder handeln. Wenn sie Situationen erleben, die nicht vollständig vorbereitet sind. Wenn sie lernen, Spannungen auszuhalten, statt sie vorschnell aufzulösen.
Das SE MUSICLAB hat dafür ein starkes Bild geliefert. Guter Klang entsteht nicht durch Technik allein. Er entsteht im Zusammenspiel von Raum, Material, Erfahrung, Präzision, Gehör und Entscheidung. Wird eines davon vernachlässigt, verändert sich das Ganze.
In Organisationen ist es ähnlich. Kompetenz entsteht nicht durch einzelne Formate oder isolierte Massnahmen. Sie wächst in Zusammenhängen: durch geteilte Erfahrungen, durch gemeinsame Sprache, durch Aufmerksamkeit für Qualität und durch Räume, in denen Fragen nicht sofort geschlossen werden müssen.
Erfahrung macht frei
Vielleicht war die tiefste Erkenntnis des Events diese: Kompetenz ist weit mehr als Wissen. Und Improvisation weit mehr als Spontaneität.
Beide wurzeln in einem lebendigen Gedächtnis. In Erfahrungen, Geschichten, Beobachtungen und Erkenntnissen, die über Jahre und Jahrzehnte wachsen. Je tiefer dieses Fundament, desto grösser wird die Freiheit, sich auf Neues einzulassen.
Das klingt zunächst widersprüchlich. Freiheit entsteht nicht dadurch, dass alles offen ist. Freiheit entsteht, wenn genügend Tiefe vorhanden ist, um mit Offenheit umgehen zu können.
Genau dort beginnt strategische Kompetenzentwicklung: nicht bei der nächsten Methode, sondern bei der Frage, welche Erfahrungen Menschen brauchen, damit sie Zukunft gestalten können.
Fotos und Videos Maël Duwan.