Neue Wege in der Beurteilung

Es gibt einen bedeutsamen Paradigmenwechsel in der Bildungslandschaft. Inputorientiertes Lernen wird durch kompetenzorientiertes Lernen abgelöst. Bezogen auf die Volksschule wird dieser Wandel im Lehrplan 21 sichtbar. Der Lehrplan ist kompetenzorientiert aufgebaut und ermöglicht Kindern ihre Kompetenzentwicklung in drei Zyklen in individuellen Tempo zu durchlaufen. Auch die abnehmenden Schulen (Stichwort KV Reform) gehen in diese Richtung. Diese wird auch international eingeschlagen. So wird im OECD Lernkompass für 2035 eine Lernlandschaft gezeichnet, in welcher Lernen, Leben und Arbeiten miteinander verbunden sind und Handlungskompetenzen im Fokus stehen.

Doch wie kann kompetenzorientiertes Lernen begleitet und beurteilt werden? Dazu haben sich verschiedene Fachgruppen gebildet und Menschen machen sich auf unterschiedlichen Bildungsstufen Gedanken dazu. So auch das Team von mirroco. Nachfolgend geben wir Einblick in die aus unserer Sicht relevanten Grundlagen wie kompetenzorientierte, nicht lineare Lernprozesse begleitet und eine Einschätzung der Kompetenzentwicklung vorgenommen werden kann.

Was bedeutet Kompetenz?

Kompetenzorientiertes Lernen begleiten bedeutet,  dass wir uns im Klaren sind was wir unter Kompetenz verstehen. Wann genau ist jemand kompetent? Wir orientieren uns an dem Grundverständnis von Erpenbeck & Heyse (o.D.):

Kompetenzen sind Handlungsvoraussetzungen, also grundlegende Fähigkeiten, sich in neuen, offenen, unüberschaubaren, dynamischen Situationen zurecht zu finden und aktiv zu handeln.

Prof. Dr. John Erpenbeck, Prof. Dr. Volker Heyse

Dem gemäss entwickeln sich Kompetenzen in der aktiven Auseinandersetzung mit dem Lerngegenstand im Tun und Handeln.

Grundlegende Elemente dieser Begriffsdefinition finden sich auch bei Weinert (2001), dessen Kompetenzbegriff die Basis des kompetenzorientierten Lernens im Lehrplan 21 bildet (vgl. Lern- und Unterrichtsverständnis).

Messbarkeit von Kompetenz

Der Kompetenzbegriff nach John Erpenbeck setzt eine hohe Handlungsorientierung voraus, welche sich im Tun und Handeln entwickelt. Das macht es unmöglich, Kompetenzen mit summativen Tests und Noten zu beurteilen. Diese Beurteilung wird dem Charakter von Kompetenz nicht gerecht, da eine reduktionistische Sichtweise im Sinne von Wissensvermittlung im Vordergrund steht. Diese Reduktion auf eine Note suggeriert eine scheinbare Genauigkeit, welche erst noch höchst fehleranfällig ist. Schriftbild, Korrigierabfolge und Höflichkeit sind beispielsweise Faktoren, welche die Leistungseinschätzung der Lehrperson beeinflussen (Beutel, Pant 2020). Daraus lässt sich schlussfolgern, dass Kompetenzen nicht objektiv messbare Grössen sind sondern beobachtbare Handlungsweisen, die eine andere Art der Rückmeldung erfordern.

Forschungserkenntnisse zum Kompetenzerwerb

Die Bindungsforschung und Entwicklungspsychologie weisen in Persona von Dr. Gordon Neufeld darauf hin, dass eine vertrauensvolle Beziehung zwischen Lernbegleiter und Lernenden der Schlüssel zum Lernerfolg ist. Umso wichtiger ist es, dass wir uns für Beurteilungs- und Feedbackpraktiken einsetzen welche die vertrauensvolle Beziehung stärkt. Sie soll eine Haltung wiederspiegeln, welche von Wertschätzung, Ressourcenorientierung und differenziertem Feedback geprägt ist.

Der Kern einer neurobiologisch-konstruktivistischen Lehr- und Lerntheorie besteht in der Einsicht, dass Wissen nicht übertragen werden kann, sondern im Gehirn eines jeden Lernenden neu geschaffen werden muss. Lernen ist also ein aktiver Prozess der Bedeutungserzeugung. Dieser Prozess wird durch Faktoren gesteuert, die überwiegend unbewusst wirken und deshalb nur schwer beeinflussbar sind. […] Ein guter Lehrer kann den Lernerfolg nicht direkt erzwingen, sondern günstigenfalls die Rahmenbedingungen schaffen, unter denen Lernen erfolgreich abläuft.

Gerhard Roth (2004)

Lehrpersonen können Lernerfolg nicht erzwingen, sind aber in vielerlei Hinsicht wichtige Einflussfaktoren auf ebendiesen Lernerfolg! Diese hat John Hattie (2013) in einer Metastudie zusammengefasst. Selbsteinschätzung und Feedback sind die grössten Erfolgsinfluencer. Dort setzt mirroco an und ermöglicht ressourcenorientiertes Feedback und gibt Raum für die Selbstreflexion.

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Hattie-Rangliste: Einflussgrößen und Effekte in Bezug auf den Lernerfolg

Wie erfolgt die Kompetenzeinschätzung bei mirroco?

mirroco engagiert sich für eine individuelle, kompetenzorientierte Lernkultur, in der Lernende sich an ihrem eigenen Entwicklungsprozess orientieren. Unter Einbezug aktueller Forschung kreieren wir Lösungen, die es den Lernenden ermöglichen, ihren eigenen Bildungsabdruck in seiner Einzigartigkeit sichtbar zu machen und weiter zu fördern.

Im Hinblick auf die Einschätzung der Kompetenzentwicklung orientieren wir uns an den Kompetenzraster des Lehrplan 21 und arbeiten bei der Einschätzung mit einem 6-phasigen Kompetenzstufenmodell. Das Modell beruht zum einen auf den Erkenntnissen der selbstgesteuerten Bildungspraxis und zum andern auf wissenschaftlichen Grundlagen aus der Entwicklungspsychologie, der Kompetenzentwicklung, der Neurobiologie und der Ermöglichungsdidaktik, vertreten durch folgende Experten:

  • Dr. Prof. Gordon Neufeld, Bindungsforscher- und Entwicklungspsychologe
  • Dr. Prof. John Hattie, Professor für Erziehungswissenschaften
  • John Erpenbeck, Wissenschaftler und Buchautor
  • Dr. Prof. Rolf Arnold, Begründer der Ermöglichungsdidaktik
  • LUKAS Modell (Lernprozessmodell), PH Luzern
  • Dr. Gerald Hüther, Neurobiologe und Autor

Das 6-phasige Kompetenzstufenmodell ist unabhängig vom Gedankengut der Noten zu betrachten. Die Entwicklung des Modells war ein längerdauernder Prozess und widerspiegelt den aktuellen Stand.

Nachfolgend eine kurze Beschreibung/Abgrenzung der beiden Einschätzungssystematiken.

Die Notengebung folgt häufig (nicht nur) der Wissensabfrage. Eine breit beobachtbare Erscheinung ist, dass Kinder für eine Prüfung lernen, das erworbene Wissen jedoch nach ein paar Wochen nicht mehr abrufen können, wenn sie vor unvorhersehbaren Situationen stehen. Das bedeutet, dass Kinder sich das Wissen zwar kurzzeitig erschlossen haben, dieses Wissen jedoch (noch) nicht mit Handlungkompetenz verbinden können. Dies erklärt wiederum, dass die Aneignung von Wissen alleine der Fähigkeit zur selbständigen Problemlösung (siehe Definition Kompetenzbegriff) zu wenig Rechnung trägt.

Das 6-Phasenmodell folgt dem Grundverständnis, dass Wissen über ein Thema nur ein Indikator für die Kompetenzentwicklung und somit auch für eine Beurteilung darstellt. Die Fähigkeit zur Selbstorganisation (Handlungsfähigkeit im Thema) wird in der Einschätzung deutlich höher gewichtet. Der Beobachtung von Handlungsfähigkeit wird eine zentrale Bedeutung beigemessen. Die Einschätzung der Kompetenzen berücksichtigt die formative sowie summative Sichtweise und ermöglicht ebenso eine prognostische Einschätzung im Hinblick auf weiterführende Bildungswege.

Die Einschätzung erfolgt...

  • In Bezug auf die jeweils beschriebene Kompetenz mit Bezug zum 6 Phasenmodell der Kompetenzentwicklung

  • anhand von beobachtbaren generischen Handlungsweisen (siehe Kompetenzstufen/Level je Phase)

  • Ressourcenorientiert und in einer Haltung von vertrauensvoller Beziehung

  • in der Haltung dass "Beurteilung" einem konstruktiven Feedback dient welches Entwicklung begünstigt und das Erkennen der eigenen Stärken fördert (positives Selbstbild ermöglicht)

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Weiterführende Literatur