Selbstgesteuerte Lernkultur Teil 6 (von 8)

Paula Duwan
Paula Duwan
15. Februar 2019

Was bedeutet Kompetenz?

Kompetent ist, wer nicht-standardisierte Situationen selbständig lösen kann

Wie entsteht Kompetenz in diesem Sinne?

Der Mensch lernt am effektivsten, wenn verschiedene Zentren des Gehirns aktiviert sind. Dies gelingt am besten, wenn Lernen nicht nur mit dem Kopf, sondern auch unter Einbezug der Emotionen und des Körpers stattfinden kann. „Unser Gehirn arbeitet zu 90 Prozent unbewusst“ (Lutz Jänke Neurobiologe Universität Zürich) und Lernen geschieht lange verdeckt und für alle Beteiligten, inklusive dem Lernenden selbst, nicht sofort sichtbar. Der Kompetenzaufbau beginnt schon viel früher, als uns dies bewusst ist. Sind wir in der Lage bewusst über ein Thema nachzudenken, haben wir den Einstig in das Thema bereits längst gemacht

Was bedeutet das in der Praxis?

Ein Kind beschäftigt sich z.B. im lebensweltlichen Kontext mit geometrischen Formen weit früher als es sich bewusst ist, dass es Geometrie überhaupt gibt und welchem Zweck sie dient (Lego, Teller, Bälle, Küchenutensilien e.t.c.). Reflektieren wir verschiedene Beispiele, so merken wir, dass dies mit allen Themen so ist.

Auch Erwachsene erleben die Faszination dieses Prinzips. Stellen wir uns vor, eine Mitarbeiterin wechselst von einer Fachverantwortung in eine Führungsverantwortung, welche sie noch nie inne hatte. Dann wird sie feststellen, dass sie schon über eine Art Grundkompetenz in diesem Thema verfügt, da sie bereits von ihren Eltern, Lehrern, Chefs e.t.c geführt worden ist. Vielleicht kennt sie die aktuellen theoretischen Konzepte hinter den unterschiedlichen Führungskulturen nicht. Hat sie aber einen guten Chef, steht er ihr bei Fragen beratend zur Seite, stellt ihr einen Mentor zur Verfügung, und sie beginnt Fachliteratur zu lesen oder besucht ein Führungs-seminar. So verbindet sich ihre Vorerfahrung mit aktuellem theoretischem Wissen und ihre Handlungskompetenz nimmt zu.

Oder stellen wir uns vor, wir stehen vor der Herausforderung eine Bewerbung zu schreiben, ein Kommunikationskonzept oder ein Budget zu erstellen, uns selbständig zu machen, ein schwieriges Gespräch zu führen…. Jedes Beispiel lässt erkennen, dass wir unser Bewusstsein zwar schärfen müssen (möglicherweise Unterstützung benötigen), um in „neuen Kontexten“ handlungskompetent zu sein. Gleichzeitig wird aber auch klar, dass wir in sehr vielen Bereichen über unbewusste Vorerfahrung (Grundkompetenzen) verfügen, welche den weiteren individuellen Lernprozess prägen.

Lernende erfragen, erlesen und erwerben sich die noch fehlenden Puzzleteilchen, um auf ihrem Weg weiterzukommen – Vollständigkeit gibt es nicht! Genau das tun Kinder auch ständig. Wichtig dabei ist, dass sie sich im Kontext von warmherziger Beziehung bewegen können und die Betreuenden Zeit haben, die anstehenden Fragen zu beantworten und Impulse zu geben, wo es weitergehen kann.

Kompetenz entsteht also durch einen individuell gesteuerten, mehrstufigen Aneignungsprozess, der in unterschiedliche Schritte aufgeteilt werden kann und nachfolgend etwas ausführlicher beschrieben wird.

Wie sehen die 6 Phasen der Kompetenzaneignungaus?

mirroco arbeitet mit dem 6 Phasenmodell (siehe Grafik unten), indem ersichtlich gemacht werden kann, in welcher Phase sich die Lernenden bezüglich Kompetenzstufe des Lehrplan 21 befinden.

Das Phasenmodell basiert zum einen auf den Erkenntnissen der selbstgesteuerten Bildungspraxis und zum Andern auf der Auseinandersetzung mit wissenschaftlichen Grundlagen aus der Entwicklungspsychologie, der Kompetenzentwicklung, der Neurobiologie und der Ermöglichungsdidaktik.

Die ersten 2 Phasen (Einstieg und Orientierung) dienen dem eher unbewussten Kompetenzaufbau im lebensweltlichen Kontext, bis sich dann in der 3. Phase (Vertiefung) das Thema in zusammenhängender Weise zeigt und seine Relevanz für den Alltag erkennen lässt. In der Phase 4 und 5 (Reflexion und Training) geschieht der Aufbau von bewusstem Wissen. Bewegen wir uns jedoch zu früh in diesen Phasen (4/5), geschieht das zu Lasten der ersten 3 Phasen, die wesentlich am Aufbau von echter Handlungskompetenz beteiligt sind. Der kurzfristige Aufbau von Wissen und das Abfragen davon bewirken und gewährleisten also in keiner Weise echte Handlungskompetenz. Dürfen sich Kinder lange in den ersten 3 Phasen bewegen, baut sich Kompetenz schrittweise und nachhaltig auf (für uns oft unsichtbar). Der Automatisierungsgrad stellt sich etwas später ein, ist aber in der Regel von echter Kompetenz gestützt wenn die Relfexion und das Training der Individualität des Lernstandes angepasst ist. Eine detailliertere Beschreibung der 6 Phasen ist auf Anfrage erhältlich. Über eine detailliertere Erfassung des 6-Phasen-Modells sind Workshops in Planung. Bitte Interesse melde dich bitte bei paula.duwan@mirroco.ch

Fazit: Lernen ist erleben, erleben ist lernen – Kompetenz entsteht in diesem Kontext. Um echte Kompetenz aufzubauen ist es wichtig, dass Kinder dem eher unbewussten Lernprozess (Phase 1-3) genügend Zeit einräumen dürfen. Verfügt das Kind über die durch Erleben aufgebaute Grundkompetenz, ist es in der Regel einfach, den vorhandenen Kompetenzgrad mit bewusstem Wissen zu ergänzen (dieses weiter aufzubauen) und vorhandene Lücken zu schliessen.

Im nächsten Blog: Erfahre im nächsten Blog, was mit reflektiertem Lernen gemeint ist und wie diese Form des Lernens stattfinden kann.