Selbstgesteuerte Lernkultur Teil 5 (von 8)

Paula Duwan
Paula Duwan
23. Januar 2019

Anregendes und exemplarisches Lernen, was bedeutet das?

Interessenbezogenes und selbstgesteuertes Lernen funktioniert am besten, wenn den Kindern eine anregende, abwechslungsreiche und lebensnahe Lernumgebung zur Verfügung gestellt wird. Symbolisch gesehen hilft es, wenn wir uns vorstellen, dass die Welt als Klassenzimmer dient und wir mit den Kindern jeweils jene Bereiche besuchen (nutzen), welche vom Kind aus erforscht werden wollen. Dabei können wir dann feststellen, wie vernetzt und unbeschwert gelernt wird, was allen Beteiligten viel Freude bereitet.

Konkret:

Immer mehr Schulen arbeiten projektbezogen, richten grüne Klassenzimmer ein (z.B. Waldtage) und bereits heute wird das bestehende Klassenzimmer mit Lernbereichen ausserhalb des Schulgebäudes ergänzt. Das alles ist also nichts Neues. Es geht vielmehr darum, dieser Art des Lernens mehr Gewicht zu geben und die Prinzipien dahinter zu verstehen, denn sie unterstützen den Lernprozess der Kinder optimal.

Das Prinzip Anregung

Anregung ist ein wechselwirkendes, ganz natürliches Prinzip, welches den Lernprozess der Kinder optimal unterstützt. Von Geburt auf hilft dieses Prinzip dem Kind die Welt zu erforschen und ständig dazuzulernen. Zum einen wird das Kind durch seine Mitmenschen und seine Umgebung angeregt (Anregung empfangen) und zum anderen regt das Kind seine Mitmenschen an (Anregung geben) Dinge zu tun, die für die Entwicklung des Kindes hilfreich sind.

Beispiel: Ganz kleine Kinder lieben es, Schubladen ein und auszuräumen und tun dies mit grosser Begeisterung. Sobald das Kind entdeckt, dass sich Schubladen öffnen lassen (äusserliche Anregung) ist es innerlich angeregt, dessen Inhalt genauer zu erforschen. Wird das Kind dann in diese Richtung tätig, regt es mit seinem Tun die Eltern an, entweder die Schubladen zu verschliessen (damit das Mehl nicht 3 x am Tag ausgeleert wird), oder im besseren Fall richten die Eltern dem Kind Bereiche in der Küche ein, die das Kind ausräumen darf. Dabei beschäftigt sich das Kind bereits mit Körpern, geometrischen Formen, Mengen e.t.c ohne dies bewusst zu tun. Lernen geschieht so ganz natürlich durch das wechselwirkende Prinzip der Anregung. Im späteren Lernprozess kann dann an diesem Erfahrungswissen angeknüpft werden (z.B. mit Projektarbeit oder Lehrmittel) und das Kind wird Schritt für Schritt bewusster mit geometrischen Formen und Aufgaben umgehen.

Weiteres Beispiel: Ältere Kinder werden von Aussen mit vielerlei Konsumgütern überhäuft (äussere Anregung) und die Wünsche sind oft grösser (innere Anregung), als das zur Verfügung stehende Budget. Bildungsverantwortliche können diese Tatsache nutzen, indem sie sich aktiv mit den Wünschen der Kinder auseinandersetzen. Sie können die Kinder beispielsweise anregen, sich mit dem Thema Geld näher zu befassen, indem sie den Jugendlohn einführen und das Kind im Umgang mit Geld im lebensweltlichen Kontext begleiten etc. Betrachtet man die Idee des https://www.jugendlohn.ch/index.html genauer, lässt sich feststellen, dass es viele Bereiche der Mathematik berührt und Lernen hier ganz natürlich mit dem Leben verbunden stattfinden kann. So gäbe es noch unzählige Beispiele.

Auch die Welt der Games bietet unzählige Anregungen sich mit lehrplanrelevanten Themen zu beschäftigen. Im Umgang mit Games ist das Thema Geld (Mathematik), Ethik, Gesundheit, Zeitmanagement, etc. enthalten.

Exemplarisches Lernen

Mit den oben beschriebenen Beispielen wird auch deutlich, was mit exemplarischem Lernen gemeint ist. Es gibt also vieles, was wir im Alltag tun, das einen lehrplanrelevanten Bezug hat. Schärfen wir den Blick dafür, verschmilzt Lernen wieder mehr mit dem Leben und die Trainingseinheiten mit Lehrmittel können kürzer gehalten werden. Zudem entwickeln die Kinder auf diesem Weg wichtige Handlungskompetenzen und das Lernen fokussiert sich nicht auf den Aufbau und das Abrufen vonWissen.

Für den tiefgreifenden Kompetenzaufbau ist es unerlässlich, dass Kinder dort abgeholt werden, wo sie in ihrer Entwicklung stehen. Lebensnahe (exemplarische) Lerngelegenheiten bieten dafür einen optimalen Rahmen.

Mögliche Elemente einer anregenden und exemplarischen Lernumgebung

  • Das Leben bietet die für das Kind grösste Vielfalt an anregenden und exemplarischen Lernanlässen
  • Anregung durch Erwachsene (Aktualitäten thematisieren)
  • Anregung durch die Kinder (Interessen der Kinder lesen und aufnehmen)
  • Projektbezogenes Lernen
  • Lernen mit Lehrmittel
  • Lernen durch äussere Gegebenheiten (Jahresrhythmus etc.)
  • Lernen durch Rituale
  • Erlebnispädagogisches Lernen
  • Gestalterisches Lernen

Legen wir den Schwerpunkt vermehrt auf das lebensnahe Erfahrungslernen, wird schnell klar, dass auch die Schulhäuser und Klassenzimmer anders eingerichtet und genutzt werden könnten (an vielen Orten ist diesbezüglich bereits viel in Bewegung). Das Klassenzimmer dient dann mehr als „Hafen“, von wo aus die Kinder unter Begleitung der Erwachsenen die Welt erkunden.

Bezug zum Lehrplan

Je besser wir den Lehrplan kennen, umso leichter fällt es uns zu erkennen, dass sich Kinder bei lebensnahen Lernanlässen ganz automatisch mit vielen Bereich den Lehrplanes beschäftigen (wenn wir sie lassen). Eine punktuelle Standortbestimmung reicht dann völlig aus, um festzustellen, in welchen Bereichen das Kind noch Lücken hat und wie diese geschlossen werden können.

Was hat diese Lernform für Konsequenzen auf das Lerntempo?

Bei dieser Art des Lernens verbringen die Kinder eine längere Zeit mit Erfahrungslernen als heute oft üblich ist. Dies führt dazu, dass der Automatisierungsgrad etwas später einsetzt und dafür ist dieser dann kürzer und einfacher. Sind wir uns dessen bewusst, stellt dies kein Problem dar, sondern ermöglicht uns, den Kindern die Chance zu eröffnen, solch tief verankerte Lernerfahrung machen zu dürfen, damit sie auf diese Weise nachhaltige Sozial- und Handlungskompetenzen erlangen.

Fazit:Im Kern geht es darum zu erkennen, dass vieles was wir im Alltag tun, einen lehrplanrelevanten Bezug hat. Schaffen wir es, dieses lebensnahe Lernen mit dem Schulalltag zu verknüpfen, schaffen wir eine optimale Grundvoraussetzung, dass interessenbezogenes, selbstgesteuertes Lernen funktioniert.

Im nächsten Blog: Erfahre im nächsten Blog, was mit kompetenzorientiertem Lernen gemeint ist und wie diese Form des Lernens stattfinden kann.