Selbstgesteuerte Lernkultur Teil 4 (von 8)

Paula Duwan
Paula Duwan
8. Dezember 2018

Was bedeutet Ressourcenorientierung – welche Haltung steht dahinter?

Ressourcenorientierung bedeutet, dass wir unsere Wahrnehmung im Schwerpunkt auf die Stärken im Menschen richten. Ist das Miteinander geprägt von dieser Grundhaltung, so erfahren wir oft eine entspannte und auch freudige Atmosphäre, welche uns bestärkt in dem, was wir tun. Sie schenkt uns Mut, die Herausforderungen zu überwinden, welche sich uns stellen.

Unsere Prägung ist jedoch oft eher defizitortientiert

Viele von uns bringen jedoch eine Prägung der Defizitorientierung aus der eigenen Kindheit mit, welche oft unbewusst zum Ausdruck kommt. Defizite (wie z.B. ich genüge nicht…) haben Magnetwirkung und sind Nährboden für Sorgen und Ängste. Legen wir dabei den Fokus auf die Entwicklungsthematik der Kinder, machen sich Ängste und Sorgen immer dann bemerkbar, wenn unsere Kinder vom allgemein gültigen (bekannten) Entwicklungstempo und der allgemein benannten Richtung abweichen. Wenn sich dann Eltern sorgen, weil ihre Kinder in ihren Augen zu wenig schnell oder ganz anders als „normal“ vorankommen und diese Sorgen auf besorgte Lehrpersonen treffen, dann entspricht dies einfacher Mathematik. Ängste plus Ängste ergeben mehr Ängste, was der Entwicklung der Kinder durchaus nicht förderlich ist. Aus der Hirnforschung wissen wir, wie entwicklungsfördernd dem gegenüber angstfreie Zonen sind und dass der Entwicklungsstand der Kinder mehrere Jahre Unterschied aufweisen kann (und trotzdem noch alles in Ordnung ist). Diese Erkenntnis lässt uns erahnen, was bei Kindern passiert, die von Menschen umgeben sind, die sich im Inneren ständig Sorgen machen und Angst haben, dass die Kinder ihren (aus ihren Augen richtigen, wie er von der Gesellschaft oder der Mehrheit gelebt wird) Weg nicht finden. Die defizitorientierte Haltung wird dann oft unbewusst auf unsere Kinder übertragen (so wie du bist, reicht das nicht aus e.t.c.) Es dauert dann meist nicht lange, bis Kinder sagen „ich bin dumm, ich kann keine Mathe, ich genüge nicht, e.t.c.“ und somit auch die Freude am Lernen verlieren.

Grundlegende Schwierigkeiten in diesem Kontext

Eine der grundlegenden Schwierigkeiten in diesem Kontext ist, dass das Wissen über natürliche Entwicklung von Kindern immer mehr in den Hintergrund gerät und wir das als normal bezeichnen, was heute allgemeine Gültigkeit hat. Aus der Bindungs-und Entwicklungspsychologie, sowie aus der Neurowissenschaft wissen wir jedoch, dass Kinder heute zu früh mit Druck und kognitiver Beschulung konfrontiert werden und dies auf Kosten der natürlichen inneren Entwicklung geht. Erste Resultate sehen wir dort, wo viele Schulkinder bereits in jungen Jahren in irgendeiner Form therapiert und begleitet werden müssen. Es ist der aktuelle allgemeingültige Massstab (so, wie wir es uns gewohnt sind), den wir ansetzen, der zu immer grösseren Schwierigkeiten führt. Wenn wir z.B. breitflächig  davon ausgehen, dass es zur normalen Entwicklung gehört, dass Kinder bereits mit 6 Jahren Interesse am Lesen und Schreiben haben müssen, (immer mehr Kinder können Lesen und Schreiben, wenn sie in die Schule kommen und dies entwickelt sich mehr und mehr zum allgemeingültigen Standard, welcher aber nicht dem natürlichen Entwicklungsprozess der Kinder entspricht), landen wir in einer Sackgasse. Ja, es gibt diese Kinder, die diese Neugierde natürlicherweise haben und es ist wichtig, dass diese gefördert werden. Andere Kinder haben ihre Neugierde und Talente aber in ganz anderen Themen, was oft als weniger wichtig und sinnvoll anerkannt wird. Wir arbeiten also gegen die Natur, wenn wir das Gleiche von allen verlangen und uns nicht auf die Suche machen zu erkennen, welche individuellen Stärken unsere Kinder haben.

Ressourcenorientierung bedeutet zu erkennen, welche Stärken ein Mensch mit sich bringt, ohne vorauszusetzen, dass es denjenigen Bereichen entsprechen soll, welche als allgemein gültig und als wichtig bezeichnet werden. Die Welt befindet sich in einem tiefgreifenden Wandel. Niemand weiss genau, welche Kompetenzen morgen gefragt sind. Wissenschaftlich erwiesen ist jedoch, dass mit den heutigen Mitteln und Werkzeugen und dem heutigen Wissensstand die Probleme von morgen nicht gelöst werden können. Das eröffnet grundsätzlich einen grossen Freiraum. Nämlich, dass es die allgemein gültigen Standrads so nicht mit absoluter Sicherheit gibt und Kinder sich nach Möglichkeit nach ihren eigenen Ressourcen entwickeln können/sollen. Dass Grundkompetenzen in Mathematik, Deutsch u.s.w. von Bedeutung sind, ist selbstverständlich und es ist nicht die Frage, ob die Kinder diese Grundkompetenzen erwerben müssen. Es geht nur um die Frage des Zeitpunkts. Kinder, die eine ressourcenorientierte Begleitung erfahren, entwickeln ein positives Selbstbild, da sie sich mehrheitlich als fähig erleben und nicht im ständigen Gefühl zu Hause sind, dass so, wie sie sind, nicht ausreicht. Ihre Lernbegeisterung ist angeschaltet. Lernen wird als etwas ganz natürliches und selbsverständliches erlebt.

Ganz plakativ in Bildersprache ausgedrückt: „Wir erwarten auch nicht von einem Fisch, dass er lernt auf einen Baum zu klettern“. Nehmen wir solche Beispiele zu Hilfe, ist allen klar, was gemeint ist.

Wie kann ich eine ressourcenorientierte Sichtweise einnehmen.

Ressourcenorientierung ist keine Methode, sondern zeichnet sich vielmehr durch eine innere Haltung aus. Es ist eine Frage des bewussten Umgangs mit dieser Thematik, der Achtsamkeit darin. Hilfreich ist, sich selber zu beobachten und im Alltag zu reflektieren, wie ressourcenorientiert wir selber mit unseren Mitmenschen umgehen. Viele von uns werden erkennen, dass wir anders geprägt sind und der Automatisierungsgrad der Defizitorientierung (eher unbewusst) allgegenwärtig ist. Wie oft sind Rückmeldungen auf das zu Verbessernde ausgerichtet (das alleine ist nicht negativ, denn wir alle können uns entwickeln) es wird dann zur negativen Falle, wenn das Positive nicht ebenso stark beleuchtet wird. Wie oft rutscht uns das „Nein“ heraus, bevor wir wirklich überlegen… usw.

Fazit:Ressourcenorientierung ermöglicht Eltern, ihre Kinder im Vertrauen zu begleiten. Kinder erfahren sich damit als fähige (Mit-) Gestalter ihres Lebensweges und entwickeln ein positives Selbstbild. Es kann durchaus sein, dass Kinder mit diesem Weg einen weniger hohen Automatisierungsgrad in den Kernfächern der Schule aufweisen. Gelingt es jedoch, dass Kinder ihr eigenes Talent entdecken können, wird gewiss, dass sie sich das Fehlende aus Eigeninteresse heraus aneignen. Oft in einem bewundernswerten Tempo.

Erfahre im nächsten Blog, welche Bedeutung eine anregende Lernumgebung für das selbstgesteuerte Lernen hat und welche Merkmale es in der Umsetzung zu beachten gilt.