Selbstgesteuerte Lernkultur Teil 3 (von 8)

Paula Duwan
Paula Duwan
22. November 2018

Warum spielen so wichtig ist und was echtes Spiel bedeutet

Hinweis: Die Inhalte in diesem Blog sind inspiriert durch Gordon Neufeld Bindungsforscher und Entwicklungspsychologe, sowie Gerald Hüther Neurobiologe. Insbesondere sein Buch „Rettet das Spiel“ liefert wichtige Inhalte

Warum ist spielen gesund für die Entwicklung der Kinder (In Anlehnung an, Gerald Hüther, Rettet das Spiel).

Spielen ist ein bedeutender Entwicklungsmotor für das kindliche Gehirn. Kinder kommen mit grosser Freude am Entdecken auf die Welt und werden mit einem grossen Vernetzungspotential im Gehirn geboren. Beim Spielen erkunden und entdecken die Kinder die Welt ganz ohne Druck und sind dabei äusserst aufnahmefähig. Das Gehirn ist deshalb so aufnahmefähig, weil echtes Spiel frei von äusseren Erwartungen ist und damit eine angstfreie Zone geschaffen wird.

Gerald Hüther sagt „Angst ist der grösste Feind des Lernens und der Intelligenz“. Es fällt nicht schwer, das zu glauben. Erinnern wir uns selber an Situationen, die angstbelegt sind, dann erahnen wir, wie blockierend sich das auf den natürlichen Lernprozess auswirken kann. Damit die natürliche Lernfreude der Kinder erhalten bleibt, ist es wichtig, dass sie nicht zu früh unter Druck geraten, sondern sich möglichst lange in dieser angstfreien Zone bewegen können. Diese tiefgreifende Erfahrung wirkt sich auch auf unser Selbstbild aus. Erleben wir uns selber als fähig, die Welt (im eigenen Tempo) zu erkunden, stärkt das unser Selbstvertrauen; im Gegensatz dazu wird es geschwächt, wenn wir uns ständig in Angst wiederfinden, ob wir wohl genügen können.

Wichtige Erkenntnisse aus der Hirnforschung

Beim echten Spielen verringert sich der Sauerstoffverbrauch in der Hirnregion, die immer dann aktiv ist, wenn wir Angst haben. Das bedeutet, dass wir im Spiel Angst verlieren und unser Gehirn in der Lage ist, neuartige Verknüpfungen herzustellen. Zudem lässt sich feststellen, dass bei jeder gelungenen Aufgabe (Erfolgserlebnis) im echten Spiel jene Neuronenverbände im Gehirn anfangen zu feuern, welche als Belohnungszentren bezeichnet werden. Wir erleben dann eine Art Begeisterungsstürme, welche sich positiv auf unsere Lebensfreude auswirken (in Anlehnung an Gerald Hüther, Rettet das Spiel).

Spielen ist also weit mehr als Zeitvertrieb. Es ist jener Entwicklungsmotor, der sich neben einer tiefen Bindung sehr positiv auf unsere gesamte Entwicklung auswirkt. Kinder, die lange und frei spielen dürfen, zeigen in jungen Jahren möglicherweise einen weniger hohen Automatisierungsgrad (auswendig lernen, kopieren) in schulischen Disziplinen auf, da sie deutlich weniger dafür trainieren. Sie verfügen aber über eine hohe Vernetzungs- und Problemlösungskompetenz und entwickeln dabei über ihre persönlichen Interessen die eigene (intrinsische) Motivation, noch nicht automatisierte Kompetenzbereiche zu vervollständigen.

Was bedeutet echtes Spiel?

Jeder von uns kennt unterschiedliche Spielformen. Sehr im Vordergrund stehen heute Onlinespiele, Gesellschaftsspiele, Lern- und Förderspiele. Das ursprüngliche, echte Spiel unterscheidet sich jedoch deutlich von diesen Spielformen.

„Echtes Spiel ist spontanes Tun, das nicht gelehrt oder befohlen werden kann“ (Gordon Neufeld)

1. Nicht Zweckgebunden (echtes Spiel verfolgt kein Ziel)

Echtes Spiel dient keinem Zweck, denn der Zweck selber ist das Spiel. Dadurch eröffnen sich Freiräume und unendliche Möglichkeiten, welche die Kinder spontan erkunden. Zudem erleben Kinder den nicht zweckgebundenen Raum als angstfreie Zone, was sie dazu einlädt, auszuprobieren und mutig zu sein.

2. Nicht real (beim echten Spiel tun Kinder so als ob)

Echtes Spiel ist nicht real. Kinder spielen z.B. Familie, tun so als ob sie als Arzt mit der Ambulanz unterwegs sind, sie spielen Schule oder Piraten. Das alles und noch viele Beispiele mehr, sind zwar lebensnahe, aber für Kinder nicht reale Gegebenheiten. Sie ermöglichen Kindern in eine Welt der Fantasie und der unbegrenzten Möglichkeiten einzutauchen und eine Vielfalt von Gefühlen wahrzunehmen (und auszuprobieren). Echtes Spiel wirkt ausgleichend auf die Emotionen, da es den Facettenreichtum der Emotionen im Spiel erfahrbar macht. Kinder können in unterschiedliche Rollen schlüpfen, ohne dass es real ist und damit auch negative Gefühle auf unbedenkliche Art los werden, ausdrücken.

3. Sich ausdrückend (das Spiel drückt etwas aus)

Im Kern des echten Spiels kommt immer etwas zum Vorschein, was so nicht geplant war. Es ist die Reise durch das Spiel, welche dieses „Etwas“ zu Tage fördert. Manchmal ist es etwas Wildes, manchmal etwas Geheimnisvolles, und manchmal auch etwas Trauriges. Das, was sich im Spiel ausdrückt, lässt sich nicht vorhersagen, sondern ist die Frucht des Spielens selbst. Oft kommen Kinder im Spiel in eine Art Flow Zustand, wo sich Raum und Zeit im Gefühl aufheben. Genau in diesen Momenten ist das Kind in einem angtsfreien Zustand, wo neue Verbindungen im Gehirn entstehen.

Kinder spielen zum Beispiel „wir sind eine Familie“. Da ist manchmal das kleinste Kind der Vater und das grösste die Mutter (das Baby) oder umgekehrt und manchmal werden die Rollen gemäss den natürlichen Hierarchien wahrgenommen. Es gibt kein Richtig oder Falsch, es gibt einfach diesen Moment in diesem Spiel mit den aktuellen Gegebenheiten, welche die Kinder selber wählen. Selbstvergessen spielen die Kinder und niemand weiss genau, was als Nächstes passieren wird. Es ist genau dieser Zauber, der das echte Spiel ausmacht. Von aussen ist es eine Art Rätsel, da es nicht vorhersehbar ist und keinem von aussen definierten Plan folgt. So sieht das Spiel „wir sind eine Familie“ jedes Mal ganz anders aus und jedes Mal lösen Kinder in dieser Art von Spiel kleine und grosse Probleme und erweitern (durch das gemeinsame Entdecken und Erleben) ihre Sichtweise auf das Leben mit Neugierde und viel Freude.

Wie kann ich als Bildungsverantwortliche/r echtes Spiel ermöglichen?

  • Den Kindern die Ruhe, den Raum und die Zeit gewähren, damit echtes Spiel entstehen kann.
  • Spiel als bedeutenden Entwicklungsmotor anerkennen (Spielen ist Entwicklung).
  • Kinder möglichst ungestört lassen, wenn ein Moment des Spiels entstanden ist. Andere vielleicht geplante Aktivitäten zurückstellen.

Fazit: Spielen ist ein bedeutender Entwicklungsmotor für das kindliche Gehirn. Es ermöglicht Kinder angstfrei in neue Dimensionen dieser Welt einzutauchen und diese zu erkunden. Beim Spielen entwickeln Kinder wichtige Problemlösungskompetenzen und ein positives Selbstbild. Wir Erwachsenen sind aufgefordert, Kindern die nötige Zeit und den Raum zu gewähren, damit echtes Spiel entstehen kann.

Im nächsten Blog:

Erfahre im nächsten Blog, warum Ressourcenorientierung beim Begleiten von Lernprozessen so wichtig ist und welche Haltung dahinter steht.