Selbstgesteuerte Lernkultur Teil 2 (von 8)

Paula Duwan
Paula Duwan
9. November 2018

Grundverständnis

Dem selbstgesteuerten Lernen liegt ein Lernverständnis zugrunde, welches besagt, dass

  • Kinder sich die Welt in ihrem eigenen Tempo erschliessen,
  • Kinder von Natur aus neugierig sind,
  • Lernen natürlicherweise geschieht.

Im Kern geht es darum, Vorhandenes im Kind herauslocken und soweit zu ergänzen, dass das Kind gut ausgestattet in die grosse weite Welt wandern kann.  

Beim Reflektieren unseres eigenen Lernverhaltens ist für viele leicht erkennbar, dass Lernen dann Sinn ergibt, wenn es im lebensweltlichen Kontext Anwendung findet, oder wenn wir ein Ziel mit dem verbinden, was wir lernen, welches für uns persönlich Sinn ergibt. Das ist bei Kindern nicht anders. Je besser es uns gelingt, Lerninhalte mit dem lebensweltlichen Kontext zu verbinden, umso besser gelingt es uns, Kinder dort abzuholen, wo sie gerade sind.

Welche Voraussetzungen braucht es, damit selbstgesteuertes Lernen gelingen kann?

1)    Anregende Lernumgebung (die Welt im „Schulzimmer“)

Damit das Kind selbstgesteuert lernen kann, ist es unabdingbar, dass eine anregende und vielseitige Lernumgebung zur Verfügung gestellt wird. Diese sieht je nach Alter und Entwicklungsstand anders aus. Je jünger das Kind ist, umso mehr liegt der Schwerpunkt auf den lebensweltlichen Lernfeldern. (Bsp. : Angebote, die die Sinne stimulieren, Körper- und Eigenwahrnehmung schulen oder Kinder mit Rollen der Umgebung auseinandersetzen lassen…. usw. ) Je älter die Kinder werden, umso mehr können die Lebensweltlichen Gegebenheiten mit theoretischen Modellen, Lehrmitteln e.t.c. ergänzt und verknüpft werden.

2)    Ein Verständnis darüber, wie Kinder lernen

Kinder (Menschen) durchlaufen einen mehrstufigen Aneignungsprozess, wenn sie sich ein Thema erschliessen. Oft sind Kinder bereits mit einem Thema in Berührung gekommen, ohne dass sie sich darüber bewusst sind. Z.B sind Kinder mit Sprache in unterschiedlicher Form im Kontakt, weit früher, als ihnen bewusst ist, dass es Wortarten e.t.c. gibt. Ist die Erfahrung umfassend genug, kann das Kind theoretische Konzepte (wie z.B. die Wortarten) viel leichter aufnehmen und integrieren, als wenn dieser Prozess umgekehrt verläuft. Es ist also hilfreich, wenn Eltern und Lehrpersonen ein tiefes Verständnis darüber haben, wie Kinder lernen und wie dieser mehrstufige Prozess verläuft. Erfahrungsgemäss ist es dann auch leichter, in den individuellen Lernprozess der Kinder zu vertrauen.

3)    Individualisierung anstatt Gruppenorientierung

Wenn wir Kinder und ihren individuellen Lernprozess beobachten, können wir feststellen, dass sie sich Themen in unterschiedlich schnellem Tempo aneignen. Messen wir die Entwicklung an ihrem eigenen Lernprozess, gewinnen wir Vertrauen, auch wenn es manchmal langsam voran geht. Tappen wir jedoch in die Falle und beginnen das Kind wieder mit anderen zu vergleichen, sind wir sehr stolz, wenn das Kind in einem Thema viel weiter ist, jedoch verunsichert, wenn es in anderen Bereichen langsamer unterwegs ist. Selbstbestimmtes Lernen setzt voraus, dass wir den Lernprozess bezogen auf das jeweilige Kind betrachten (Individualisierung) und es nicht mit andern vergleichen (Gruppenorientierung). Um den Ängsten von Eltern und Lehrpersonen ebenfalls vorzubeugen, gibt es auch die Möglichkeit einer allumfassenden Erfassung des Lernstandes, bezogen auf die gesamte Schulzeit. Dies ermöglicht einen Blick auf das Kind in seiner Gesamtheit, wodurch der Fokus nicht auf dem Detail liegt. Ressourcen werden dadurch besser sichtbar, was Vertrauen und Entspannung bewirkt auf allen Seiten. (3.Kl: Es kann zwar die Reihen noch nicht auswendig, doch turnt es bereits sicher in den Brüchen (5.Kl.) herum.)

4)    Lehrperson versteht sich als Lernbegleiter und Coach

Lehrpersonen übernehmen bei selbstbestimmten Lernformen die Rolle als Lernbegleiter und Coach und agieren weniger als Inhaltsvermittler. Die Hauptaufgabe des Lernbegleiters besteht darin, das Kind zu lesen und in seinem Prozess zu begleiten sowie Vorhandenes zu ergänzen. Die Bindung zum Kind (und dessen Eltern) ist daher massgebend wichtig.

5)    Bezug zum Lehrplan 21 herstellen

Es ist hilfreich, wenn Lernbegleiter sich mit dem Lehrplan 21 vertraut machen, welcher die Ziele vorgibt, welche die Kinder erreichen sollen. Ist ein Lernbegleiter vertraut mit den Anforderungen, fällt es viel leichter, die vom Kind selbst gewählten Aktivitäten in Bezug zum Lehrplan 21 zu bringen und aufzuzeigen, wo das Kind in seinem Lernprozess steht. Beim selbstgesteuerten Lernen überlegen wir also nicht so sehr, was das Kind lernen sollte, sondern reflektieren vielmehr, welche Kompetenzen es sich bei welchen Aktivitäten angeeignet hat. So kann das Kind in seinem Tempo lernen und Bildungsverantwortliche haben trotzdem den Überblick über den Entwicklungsstand.

Wie kann ich als Bildungsverantwortliche das Kind in seinem individuellen Lernprozess unterstützen (in Anlehnung an Gordon Neufeld)

  • Kinderfragen beantwortenund sich Zeit dafür nehmen. Ältere Kinder befähigen zu recherchieren, damit sie sich ihre Fragen selber beantworten können.
  • Dem Kind unterschiedliche Gesichtspunkte vorstellen Je nach Alter haben Kinder eine sehr einseitige Auffassung von einem Thema. Es ist dann sehr anregend für das Kind, wenn wir ihm verschiedene Gesichtspunkte vorstellen und ihm damit helfen, ein erweitertes Verständnis über das Thema zu bekommen.
  • Jetzige Vorstellung mit nicht berücksichtigten weiteren Elementen ergänzen.Dies hilft dem Kind sehr, sich auf unterschiedlichen Flughöhen mit einem Thema zu beschäftigen und ein vertieftes Verständnis davon zu entwickeln. (z.B. zusammen Forschen, andere befragen,…)
  • Das subjektive Wesen von Wahrheit offenbaren. Begleiten wir Kinder in oben beschriebener Weise, offenbart sich die Subjektivität der Wahrheit und eröffnet damit ganz neue Möglichkeiten. Mit der Zeit realisieren die Kinder, dass es die Wahrheit nicht gibt und sie beginen von sich aus verschiedene Sichtweisen einzunehmen.
  • Erfahrungen reflektieren. Es ist sehr wertvoll Erlebtes mit den Kindern zu reflektieren, nachzufragen, was sie mitnehmen. Im Reflektieren selbst liegt ein wertvoller Lernprozess. Das Kind wird sich nämlich bewusst, was es alles gelernt hat. Bei älteren Kindern ist es gut, möglich den Bezug zum Lehrplan 21 herzustellen.
  • Weiterführendes Material bereitstellen. Die Lernumgebung dem Entwicklungsstand des Kindes anpassen hilft mit, dass das Kind weitergehen kann, sofern es bereit dafür ist.

Fazit: Selbstbestimmtes Lernen bedeutet, dass Kinder selber entscheiden, was sie in welchem Tempo Lernen. Diese Lernform bietet ganz neue Möglichkeiten und setzt (gleichzeitig) voraus, dass die Kinder eine vielfältige Lernumgebung zur Verfügung haben und ihr Entwicklungsprozess individuell betrachtet wird (Kind nicht mit anderen, sondern mit sich selber verglichen wird).

Im nächsten Blog: Erfahre im nächsten Blog, warum Spielen für Kinder so wichtig ist und was echtes Spiel bedeutet