Selbstgesteuerte Lernkultur Teil 1 (von 8)

Paula Duwan
Paula Duwan
31. Oktober 2018

Welche Bedeutung hat Bindung im Kontext von selbstgesteuertem Lernen

Dass eine gute Beziehung zwischen Bildungsverantwortlichen (Lehrpersonen) und Kindern zentral ist, um gelingende Lernprozesse zu gestalten, ist allgemein bekannt und gut verankert. Welcher Einfluss die Bindung von den Eltern zu den Kindern und umgekehrt auf den Einfluss der Lernfähigkeit der Kinder hat, darüber wird noch wenig diskutiert.

Gordon Neufeld, Bindungsforscher und Entwicklungspsychologe aus Kanada, zeigt auf beeindruckende Weise auf, wie sich die Bindung der Kinder in den ersten 6 Lebensjahren entwickelt, sofern die Bedingungen günstig sind. Wo Kinder im ersten Lebensjahr sich insbesondere über die Sinne binden, zeigen Kinder mit 6 Lebensjahren, dass sie ihren Eltern tief vertrauen und auch ihre eigenen Sorgen mit Ihnen teilen, sofern sich die Bindung positiv entwickelt hat.

Was bewirkt tiefe Bindung im Hinblick auf Lernen?

Ist ein Kind auf der Bindungsstufe des Vertrauens angelangt, legen sich Schwierigkeiten, die vorher sehr präsent waren, unabhängig davon, ob zu Hause oder mit der Lehrperson. Im Kind selber entsteht der Wunsch ganz natürlich, es uns (Erwachsenen) recht zu machen. Ganz einfach, weil die Bindung tief genug ist. Das Kind lässt sich leichter führen und die Eltern oder auch die Lehrpersonen haben sich ihre Autorität über die Bindung erarbeitet, was langfristig trägt. Zudem sind Kinder mit einer tiefen Bindung innerlich entspannter, da ihr Bindungshunger gestillt ist. Man kann auch sagen, der Kopf ist frei um zu lernen, was eine wichtige Voraussetzung für gelingende Lernprozesse ist (unabhängig davon, ob im Homeschooling oder in der Schule).

Selbstbestimmt organisiertes Lernen bietet Raum für Beziehung, für einzelne Gespräche, was Bindung im tieferen Sinne ermöglicht und ein neues Miteinander kann entstehen.

Warum verhindern Belohnungs- und Bestrafungssysteme tiefere Bindungen und echte Reifeprozesse?

Das Belohnungs- und Bestrafungsprinzip ist in Schulen wie auch in Elternhäusern ein oft gesehenes Erziehungs- und Steuerungsinstrument. Dieses Prinzip funktioniert kurzfristig und oberflächlich gesehen zwar gut, hat aber langfristig die Folge, dass Kinder sich nur richtig verhalten, weil sie die Belohnung anstreben oder der Bestrafung ausweichen wollen. Im Kern hemmt das Belohnungs- und Bestrafungsprinzip den Reifeprozess der Kinder. Kinder orientieren sich dann immer mehr an der Aussenwelt (Belohnung/ Bestrafung), verlieren den Kontakt nach Innen, was der eigenen Entwicklung nicht förderlich ist.

Wie kann ich die Beziehung zu meinem Kind oder einem Kind das ich unterrichte vertiefen: (einige Beispiele)

  • Es ist hilfreich, wenn wir uns dem Kind zu- und nicht abwenden, auch wenn die Beziehung schwierig geworden ist. Kinder in Schwierigkeiten brauchen mehr und nicht weniger Bindung.
  • Idealerweise vertiefen wir die Bindung mit unseren Kindern in guten Zeiten, damit sie in schwierigen Zeiten trägt.
  • Es hilft, wenn wir bewusst wahrnehmen, über welche Fähigkeiten das Kind verfügt, (Fokus auf Ressourcen, nicht auf Defizite). Defizite haben Magnetwirkung. Es ist oft schwierig, den Blick für das Positive offen zu halten.
  • Nach den Ursachen für das schwierige Verhalten forschen, anstatt Symptome bekämpfen. Schwieriges Verhalten überbrücken indem wir uns auf die Seite des Kindes stellen, ihm helfen schwierige Situationen zu bewältigen, ohne dass die Beziehung darunter leidet. 
  • Mit dem Kind gemeinsam gute Absichten wecken. Pläne schmieden, wie eine Situation auch anders verlaufen kann.
  • Sich für die Gedanken, Sorgen, Frustrationen des Kindes öffnen, sich dafür interessieren. Seine Sorgen ernst nehmen.
  • Gemeinsam etwas erleben oder unternehmen. Verletzliches nur am Rande ansprechen. Helfen in Lösungen zu denken.
  • Wenn immer möglich, auf Belohnung und Bestrafung verzichten.
  • Die eigene Rolle überdenken und die eigene Führung wiederfinden.
  • Das Kind nicht vor allen Anderen bloss stellen, individuellen Kontakt suchen

Fazit: Sind Kinder in ihrem Lernprozess blockiert oder auffällig, ist es hilfreich als erstes die Beziehung zum einzelnen Kind zu vertiefen und damit den Wunsch des Kindes zu erwecken, es uns recht machen zu wollen.

Thema vom nächsten Blog (2. Teil der Blogreihe Lernkultur):

Erfahre im nächsten Blog was mit selbstgesteuertem Lernen gemeint ist und welche Voraussetzungen wichtig sind, damit Lernen in dieser Weise gelingen kann.