Interview von THES mit Projektinititantin

Paula Duwan
Paula Duwan
14. September 2018

THES unterstützt und begleitet mirroco seit der Pilotphase. Kurz vor der Lancierung hat Fredi Zumbrunn von THES Paula Duwan zum Interview getroffen. Im Interview erfährst du wie die Projektinitiantin zum Lehrplan 21 steht, was das Kernanliegen von mirroco ist und wie die Idee entstanden ist.

Was ist das Anliegen von mirroco?

Es ist unser Kernanliegen, dass Kinder Lernen als sinnvollen natürlichen Prozess erleben, ihr Potenzial entfalten können und gerne zur Schule gehen. Auf gesellschaftlicher Ebene geht es darum, Lernkulturen zu entwickeln, welche sich auf die zukünftigen Herausforderungen der Gesellschaft einstellen und junge Menschen befähigen, verantwortungsvoll mit sich selber und unserer Umwelt umzugehen.

Wie soll das gehen?

In der Entwicklungspsychologie gehen wir davon aus, dass Verantwortung erst übernommen werden kann, wenn das Individuum in sich selber genügend gereift ist. Wir sollten den Fokus daher nicht allzu früh auf intensive Beschulung legen sondern dem individuellen Reifeprozess der Kinder (insbesondere in jungen Jahren) mehr Bedeutung beimessen. Im Bereich Bildung erreichen wir dies indem wir Lernkulturen schaffen, die eine natürliche Entwicklung und mehr Selbststeuerung ermöglichen. mirroco setzt genau dort an.

Wie bist du auf die Idee von mirroco gekommen?

Ich unterrichte meine Kinder seit bald 4 Jahren als Homeschoolerin. Sie lieben es fächerübergreifend und selbstbestimmt zu lernen und ich habe nach Wegen gesucht, ihnen dies zu ermöglichen und trotzdem aufzeigen zu können, wo sie im Lernprozess bezogen auf den Lehrplan stehen. Die Idee von mirroco ist das Resultat aus diesem Prozess.

Wer unterstützt dich?

In erster Linie war und ist es mir persönlich ein wichtiges Anliegen. Dann waren es andere Homeschooler, welche das Projekt aktiv unterstützt haben. In der Zwischenzeit sind wir in aktivem Kontakt mit Privatschulen und Berufsschulen, ebenso mit Netzwerken, welche sich für ähnliche Anliegen einsetzen.

Was bedeutet selbstbestimmtes Lernen für dich?

Es bedeutet, dass Kinder selber bestimmen, wann sie was und in welchem Tempo lernen. Wenn wir sichtbar machen können, wo sie im Lernprozess bezogen auf den Lehrplan 21 stehen, schafft dies Transparenz und Sicherheit für alle Beteiligten.

Wie gestaltet sich der Lernalltag?

Selbstbestimmtes Lernen funktioniert am besten, wenn der „Unterricht“ und die Lernbegleitung in hohem Masse individualisiert stattfinden. Kinder entscheiden zunehmend selber, zu welcher Zeit und in welcher Form sie eine bestimmte Lernaufgabe angehen wollen. Das „Programm“ richtet sich nach ihrem Interesse und ihrer Motivation. Erwachsene und andere Lernende begleiten diesen Prozess und unterstützen wenn nötig.

Welche Rolle spielt dabei das mirroco OnlineTool (zur individuellen Lernstanderfassung)?

Das OnlineTool ist lediglich eines der wichtigen Elemente, die eine selbstgesteuerte Lernkultur ermöglichen. Mit diesem Tool können das erreichte Wissen und Können mit den im Lehrplan 21 beschriebenen und geforderten Kompetenzen in Bezug gebracht werden. Der Lernstand der SelbstlernerInnen wird sichtbar und kann dokumentiert werden. Das schafft Transparenz für alle Beteiligten.

Welches sind die anderen Elemente?

Folgende 8 Bausteine erachten wir insgesamt als wichtig. Sie beinhalten wissenschaftlich erforschte Gebiete bezüglich der Art und Weise des Lernens, der Gestaltung der Lernumgebung, des Lerntempos (Entwicklung) und der Haltung der Lernbegleiter. Die Schwerpunkte können variieren und richten sich nach den Lernvoraussetzungen, den interessenbasierten Lernzielen und den daraus abgeleiteten Erfordernissen. mirroco bietet Workshops und Ausbildungsmodule an, wo sich Erwachsene vertieft mit den einzelnen Modulen vertraut machen können.

selbstgesteuert
individualisiert

Lernen findet aus eigenem Antrieb, nach eigenen Interessen und im eigenen Tempo statt.

anregend
exemplarisch

Lernen findet in einer anregenden und lebensnahen Lernumgebung statt (exemplarisches Lernen).

bindungsbasiert

Eine vertrauensvolle Beziehung zum Kind steht für den Lernbegleiter im Vordergrund. Er versteht sich als Coach und Lernbegleiter.

reflektiert

Reflektieren des eigenen Lernprozesses und das Erkennen von persönlichen Lernmechanismen erachten wir als unabdingbar.

ressourcen-
orientiert

Ressourcenorientiertes Denken und Handeln stärkt die Kinder in ihrem individuellen Lernprozess.

spielerisch
vernetzt

Dem echten Spiel und der alters- sowie themenorientierten Vernetzung wird grosse Bedeutung beigemessen.

kompetenz-
orientiert

Lernen ist Konstruktion, Kompetenzorientierung bietet einen Rahmen für den phasenorientierten Kompetenzaufbau und für die Reflexion.

sichtbar

Sichtbar machen wo der Lernende in seinem Lernprozess steht (fundiert und ohne Notenvergabe) ist eines der tragenden Elemente der mirroco Lernkultur. (Siehe dazu auch mirroco Lernstanderfassung)

Auf welchen Grundlagen basiert die mirroco Lernkultur?

Unser Bildungsverständnis basiert zum einen auf den Erkenntnissen der selbstgesteuerten Bildungspraxis und zum andern auf der langjährigen Auseinandersetzung mit wissenschaftlichen Grundlagen aus der bindungsbasierten Entwicklungspsychologie, der Kompetenzentwicklung, der Neurobiologie und der Ermöglichungsdidaktik. Das Bildungsverständnis leitet sich daraus ab und hat mein Verständnis für Lernen geprägt. „Lernen geschieht natürlicherweise und ständig“

Wie stehst du zum Lehrplan 21?

Da steckt viel Arbeit dahinter! Aus meiner Sicht bietet er vom Grundgedanken her einen grossen Fortschritt zum herkömmlichen Lehrplan. Kinder werden nicht mehr an den Jahreszielen gemessen, sondern können sich innerhalb des Zyklus individuell entwickeln. Für meinen Geschmack dürften sich die Zyklen weiter aufweichen, so dass noch individuelleres Lernen innerhalb der 11 Schuljahre möglich wird. Ich kann aber auch gut nachvollziehen dass sich Kulturen nicht von heute auf morgen verändern und es Erfolgsgeschichten braucht, um in diese Richtung weiter zu gehen.

Was macht mirocco so einzigartig?

Individuelle Lernerfahrungen und erreichte Kompetenzen können direkt mit dem neuen Lehrplan verglichen werden. Es entsteht eine Dokumentation, die Lernschritte aufzeigt und Lernerfahrungen thematisiert. Diese selbstgesteuerte Bildungspraxis ist prägend für eine Lernkultur, die auf Vertrauen und Zutrauen gründet und neurowissenschaftliche Erkenntnisse einbezieht.

Gibt es nicht schon genügend solcher Bewegungen?

Es dürfen ruhig noch mehr werden und ich freue mich über weitere Bewegungen, welche in diese Richtung gehen. Gemeinsam können wir glaubwürdig sichtbar machen, dass selbstgesteuertes Lernen nicht nur im Erwachsenenalter sondern auch bei den Kindern ganz natürlich angelegt ist und deshalb funktioniert.

Wie ist es möglich, beim individualisierten Unterricht das Leistungsniveau zu vergleichen?

Wenn die sich entwickelnden Kompetenzen der Kinder mit den Anforderungen des Lehrplans verglichen werden, braucht es keine weiteren Vergleiche. Ich bin davon überzeugt, dass der Vergleich mit dem eigenen Lernfortschritt sinnvoller und ressourcenorientierter ist als der Vergleich mit anderen. mirroco setzt dort an.

Wie lernen denn Kinder aus deiner Sicht?

Die Meinungen dazu gehen weit auseinander. Ich selber bin der Überzeugung, dass Lernen natürlicherweise und ständig geschieht. Die Sorgen über die Lern- und Leistungsfähigkeit der Kinder nehmen in unserer Gesellschaft aktuell jedoch überhand, was zu Entwicklungsblockaden auf der psychisch emotionalen Ebene führen kann. Menschen durchlaufen einen mehrstufigen Aneignungsprozess vom Einstieg in ein Thema bis zur Handlungsfähigkeit. Dieser Prozess braucht Zeit und wird idealerweise von Menschen begleitet, die in einer vertrauensvollen Beziehung mit dem Lernenden stehen.

Wo liegen die Grenzen des selbstbestimmten Lernens aus deiner Sicht?

Die Grenzen sind aktuell insbesondere systemisch bedingt. Unsere Schulen sind heute noch nicht genügend darauf ausgerichtet, Kinder selbstbestimmt Lernen zu lassen und diesen Prozess zu begleiten. Zudem ist Angst ein unbewusster Faktor, welcher sich in unserer Gesellschaft tief verankert hat und Veränderung in diese Richtung erschwert. Frühförderung und Frühbildung ist in aller Munde. Dabei geht vergessen, dass Kinder in jungen Jahren ihre Problemlösungsstrukturen im Gehirn insbesondere im freien Spiel entwickeln. Gerald Hüther sagt „Angst ist der grösste Feind des Lernens und der Intelligenz.“

Was ist dein Traum?

Mein Traum ist, dass Kinder gesundes Wachstum erfahren auf den verschiedensten Ebenen des Seins.

Wie sehen die nächsten Schritte aus?

Am 28. September wird das OnlineTool aufgeschaltet. Parallel dazu sind wir bereits mit Schulen in Kontakt, die interessiert sind mit der mirroco Lernkultur und dem OnlineTool zu arbeiten. Eine Schule hat bereits zugesagt. Zudem bieten wir eine Multiplikatorenausbildung an, welche am 24. November startet. Am 17. November gibt es einen Anlass zum Thema Lernkultur in Zusammenarbeit mit der unico-schule in Bern.

Projektinitiantin Paula Duwan ist Dipl. Erwachsenenbildnerin mit Studium des bindungsbasierten Entwicklungsansatzes nach Gordon Neufeld, Familienfrau und Mutter von zwei Kindern (Jungs in den Jahrgängen 2007 und 2009). 6 Jahre selbstständig als Personal-und Organisationsentwicklerin tätig, inklusive Coaching und Einzelberatung von Menschen in schwierigen Berufs-und Lebenssituationen www.persenova.ch.

Interviewer Fredi Zumbrunn hat langjährige Erfahrung als Lehrer, Praxislehrer und Schulleiter, Weiterbildung in Erwachsenenbildung und Coaching, Kursleitungen in den Bereichen Ganzheitliches Lernen, Klassenmanagement, Teamentwicklung und Potenzialentfaltung. Bis 2018 Fachbereichsverantwortlicher und Dozent am Institut für Weiterbildung der PH Bern in den Bereichen Erziehungs- und Sozialwissenschaften und Intensivweiterbildung.

THES im Effinger
Bildung – einfach – anders
www.thes-effinger.ch